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Das Märchen von der Traurigkeit

Mal wieder etwas aus der Reihe ohne Worte:
~Kein Mensch auf dieser Welt ist je eine Tr?ne von dir wert.Und der,der sie wert ist,wird alles daf?r tun,dass du niemals weinen musst~
29.1.06 18:08


Das M?rchen von der traurigen Traurigkeit

Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlang kam. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht, und ihr L?cheln hatte den frischen Glanz eines unbek?mmerten M?dchens. Bei der zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte nicht viel erkennen. Das Wesen, das da im Staub auf dem Wege sa?, schien fast k?rperlos. Sie erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen. Die kleine Frau b?ckte sich ein wenig und fragte: "Wer bist du?"
Zwei fast leblose Augen blickten m?de auf. "Ich? Ich bin die Traurigkeit", fl?sterte die Stimme stockend und leise, dass sie kaum zu h?ren war.
"Ach, die Traurigkeit!" rief die kleine Frau erfreut aus, als w?rde sie eine alte Bekannte gr??en.
"Du kennst mich?" fragte die Traurigkeit misstrauisch.
"Nat?rlich kenne ich dich! Immer wieder hast du mich ein St?ck des Weges begleitet."
"Ja, aber...", argw?hnte die Traurigkeit, "warum fl?chtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?"
"Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du wei?t doch selbst nur zu gut, dass du jeden Fl?chtling einholst. Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos aus?"
"Ich... bin traurig", antwortete die graue Gestalt mit br?chiger Stimme.
"Die kleine alte Frau setzte sich zu ihr. "Traurig bist du also", sagte sie und nickte verst?ndnisvoll mit dem Kopf. "Erz?hl mir doch, was dich so bedr?ckt."
Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuh?ren wollen? Wie oft hatte sie sich das schon gew?nscht. "Ach, wei?t du", begann sie z?gernd und ?u?erst verwundert, "es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und f?r eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zur?ck. Sie f?rchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest." Die Traurigkeit schluckte schwer. "Sie haben S?tze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr falsches Lachen f?hrt zu Magenkr?mpfen und Atemnot. Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: Man muss sich nur zusammenrei?en. Und sp?ren das Rei?en in den Schultern und im R?cken. Sie sagen: Nur Schw?chlinge weinen. Und die aufgestauten Tr?nen sprengen fast ihre K?pfe. Oder aber sie bet?uben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht f?hlen m?ssen."
"Oh ja", best?tigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir schon oft begegnet."
Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. "Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, k?nnen sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders d?nne Haut. Manches Leid bricht wieder auf, wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zul?sst und all die ungeweinten Tr?nen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Statt dessen schminken sie sich ein grelles Lachen ?ber ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu."
Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann st?rker und schlie?lich ganz verzweifelt. Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tr?stend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anf?hlte, dachte sie und streichelte z?rtlich das zitternde B?ndel. "Weine nur, Traurigkeit", fl?sterte sie liebevoll, "ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt."
Die Traurigkeit h?rte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gef?hrtin: "Aber ... aber - wer bist eigentlich du?"
"Ich?" sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd, und dann l?chelte sie wieder so unbek?mmert wie ein kleines M?dchen. "Ich bin die Hoffnung."

Inge Wuthe
20.12.05 19:34





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